Williams %R: Was der Momentum-Oszillator misst und wie er sich vom RSI unterscheidet

Marvin Waraschitz · 29. Juni 2026 · 7 Min. Lesezeit

Williams %R ist einer der ältesten Momentum-Oszillatoren der technischen Analyse. Der Indikator misst, wo der Schlusskurs innerhalb der Hoch-Tief-Spanne der letzten 14 Handelstage liegt. Seine invertierte Skala von 0 bis -100 sorgt beim ersten Kontakt für Verwirrung. Was der Indikator berechnet, wie er sich vom RSI unterscheidet und warum er in Walk-Forward-Tests selten allein ausreicht, erklärt dieser Artikel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Williams %R misst die Position des Schlusskurses innerhalb der 14-Tage-Hoch-Tief-Spanne. Werte nahe 0 zeigen einen Kurs nahe dem Periodenhoch, Werte nahe -100 einen Kurs nahe dem Periodentief.
  • Die Skala läuft von 0 bis -100, invertiert gegenüber anderen Oszillatoren. Was klassisch als überkauft gilt (Werte zwischen 0 und -20), liegt am oberen Ende der Spanne, nicht am unteren.
  • In der edgio Signal-Engine läuft Williams %R parallel zum RSI. Divergenzen zwischen beiden sind ein diagnostisch nützliches Signal über die Konsistenz des Momentum-Bildes.
  • Als Einzelsignal ist %R in Trendphasen anfällig für Fehlsignale. Sein stabiler Beitrag entstand in unseren Tests erst im Verbund mit anderen Indikatoren.

Was Williams %R misst

Larry Williams entwickelte den Indikator in den frühen 1970er Jahren. Die Grundidee ist geometrisch: Der Indikator misst, wo der Schlusskurs relativ zum Schwingungsbereich der letzten 14 Handelstage liegt.

Die Formel arbeitet mit drei Werten: dem höchsten Hoch der letzten 14 Handelstage, dem niedrigsten Tief im selben Zeitraum und dem aktuellen Schlusskurs. Das Ergebnis ist eine Zahl zwischen 0 und -100, die angibt, wie weit der Schlusskurs vom 14-Tage-Hoch entfernt liegt, ausgedrückt als Anteil der Gesamtspanne.

Ein %R von 0 bedeutet: Der Schlusskurs entspricht dem 14-Tage-Hoch. Ein %R von -100 bedeutet: Der Schlusskurs liegt auf dem 14-Tage-Tief. Ein %R von -50 bedeutet: Der Kurs liegt in der Mitte der Spanne.

Die invertierte Skala: 0 bis -100

Die negativen Werte überraschen beim ersten Kontakt. Sie entstehen, weil die Formel die Differenz vom Hoch abzieht, nicht vom Tief. Das Ergebnis ist ein Spiegelbild der intuitiveren Vorstellung, bei der niedrige Werte "schlecht" und hohe Werte "gut" wären.

In der klassischen Lesart gelten Werte zwischen 0 und -20 als überkauft: Der Kurs liegt nahe dem Periodenhoch. Werte zwischen -80 und -100 gelten als überverkauft: Der Kurs liegt nahe dem Periodentief. Diese Zonen stammen aus Williams' ursprünglicher Arbeit und sind in der Chartanalyse weit verbreitet.

%R-WertZone (klassisch)Beschreibung
0 bis -20ÜberkauftKurs nahe dem 14-Tage-Hochpunkt der Spanne
-20 bis -80NeutralKurs in der mittleren Hälfte der Spanne
-80 bis -100ÜberverkauftKurs nahe dem 14-Tage-Tiefpunkt der Spanne

Williams %R-Zonen nach klassischer Lehrbuchliteratur. Kalibrierte Schwellen in der edgio Signal-Engine weichen von diesen Grenzen ab und wurden durch Walk-Forward-Tests von 2014 bis 2025 validiert.

Verhältnis zum RSI

Auf den ersten Blick messen Williams %R und der RSI dasselbe: kurzfristiges Momentum über 14 Tage. Der Unterschied liegt in der Berechnungslogik.

Der RSI berechnet das Verhältnis von durchschnittlichen Kursgewinnen zu durchschnittlichen Kursverlusten über die letzten 14 Handelstage. Williams %R betrachtet die geometrische Position des Schlusskurses in der Hoch-Tief-Spanne. Beide landen oft in ähnlichen Zonen gleichzeitig.

In Trendphasen können sie aber divergieren. Ein Kurs, der gleichmäßig ansteigt, kann bei Williams %R dauerhaft in der Überkauft-Zone verbleiben, weil er nahe dem rollierenden 14-Tage-Hoch bleibt. Der RSI misst dagegen das Momentum-Verhältnis und zeigt in stetigen Trends ein moderateres Bild. Diese Divergenz ist kein Fehler, sondern ein diagnostisches Signal über die Art der Kursbewegung.

Divergenz als Information

Wenn RSI und Williams %R gleichzeitig überkaufte Zonen zeigen, ist das Momentum-Bild konsistenter. Wenn einer neutral steht und der andere extrem, zeigt das Uneinheitlichkeit im Signal. In der edgio Signal-Engine sind beide Werte nebeneinander sichtbar, zusammen mit einem Hinweis auf Übereinstimmung oder Abweichung.

Williams %R in der edgio Signal-Engine

In der edgio Signal-Engine gehört Williams %R zum Momentum-Block und läuft parallel zum RSI. Beide verwenden die Standardperiode von 14 Handelstagen. In einer eigenen Forschungsrunde haben wir Momentum-Indikatoren systematisch über 12 Walk-Forward-Zeitfenster verglichen.

Das Ergebnis: Der RSI erwies sich als robuster als der ADX (Average Directional Index), der mehr Rauschen produzierte. Williams %R blieb Bestandteil der validierten Konfiguration, weil seine Divergenz vom RSI ein nützliches Signal über die Einheitlichkeit des Momentum-Bildes liefert. In einer weiteren Runde wurden die Gewichte des Momentum-Blocks validiert und das Setup bestätigt.

Die Schwellen, die in der Engine verwendet werden, weichen von den klassischen -20 und -80 ab. Die Kalibrierung erfolgte über Walk-Forward-Tests, nicht aus der Literatur. Ziel war Stabilität über verschiedene Marktphasen, nicht maximale historische Performance in einem einzelnen Zeitraum.

Schwächen des Indikators

Williams %R teilt eine strukturelle Schwäche mit dem RSI und anderen 14-Tage-Momentum-Oszillatoren: In starken Trends verbleibt der Indikator dauerhaft in Extremzonen. Ein System, das bei Werten nahe 0 automatisch eine Gegenbewegung erwartet, würde in anhaltenden Aufwärtstrends häufig die stärksten Positionen frühzeitig verlassen.

Das liegt nicht am Indikator selbst, sondern daran, dass 14-Tage-Fenster keinen strukturellen Trendunterschied erkennen. Williams %R kann nicht unterscheiden, ob ein Kurs nahe dem 14-Tage-Hoch liegt, weil gerade ein Trend endet, oder weil ein starker Aufwärtstrend weiterläuft. Dafür braucht es übergeordnete Trendfilter.

In unseren Tests war das die entscheidende Einschränkung: Kein einzelner Momentum-Oszillator war über alle 12 Walk-Forward-Fenster hinweg stabil genug, um als eigenständiges Signal zu tragen. Der Mehrwert entstand erst in der Kombination.

Im Verbund stärker

Wenn Williams %R, RSI und MACD gleichzeitig in dieselbe Richtung zeigen, ist das Momentum-Bild konsistenter als wenn nur einer der drei ein Signal liefert. Die Kombination reduziert Fehlsignale, die einzelne Indikatoren in Trendphasen produzieren.

In der edgio Signal-Engine ist Williams %R eines von 16 Signalen. Es fließt gewichtet in den Composite Score ein, zusammen mit RSI, EMA-Crossover, MACD, Stochastik und Makrosignalen. Die Kombination mehrerer unabhängiger Signalquellen war in unseren Walk-Forward-Tests stabiler als jede Einzelkomponente.

Häufige Fragen

Was bedeutet ein Williams %R von -20?

Der Kurs liegt nahe dem 14-Tage-Hochpunkt der Spanne. Klassisch wird das als überkauft bezeichnet. In trendstarken Märkten verbleibt %R aber wochenlang nahe -20, ohne dass eine Gegenbewegung folgt. Die Zone allein reicht nicht als vollständiges Einordnungssignal.

Was ist der Unterschied zwischen Williams %R und RSI?

Ähnliches Konzept, andere Berechnungslogik. %R misst, wo der Schlusskurs innerhalb der 14-Tage-Hoch-Tief-Spanne liegt. Der RSI misst das Verhältnis von durchschnittlichen Auf- zu Abwärtsbewegungen über 14 Tage. Beide befinden sich oft gleichzeitig in ähnlichen Zonen. Wenn sie divergieren, zeigt das Uneinheitlichkeit im Momentum-Bild.

Welche Schwellen sind sinnvoll?

Klassisch: -20 für überkauft, -80 für überverkauft. In unseren Walk-Forward-Tests haben wir engere Zonen kalibriert, da die klassischen Grenzen in Trendphasen zu viele Fehlsignale erzeugen. Die genauen Schwellen wurden über 12 Zeitfenster von 2014 bis 2025 validiert.

Kann Williams %R allein für die Analyse eingesetzt werden?

In unseren Tests war kein einzelner Momentum-Oszillator als Einzelsignal stabil genug, um über Marktphasen hinweg konsistente Ergebnisse zu liefern. Die Kombination mehrerer unabhängiger Indikatoren war in 12 Walk-Forward-Fenstern verlässlicher als jede Einzelkomponente.

Signale für dein Portfolio statt Theorie

edgio berechnet 16 technische Signale für deine Positionen und fasst sie zu einer klaren Einordnung zusammen. Die Methodik dahinter ist genau die, die du hier nachlesen kannst.

Auf die Warteliste

Marvin Waraschitz ist Gründer von edgio. Die Signal-Engine hinter dem Tool hat er in 71 dokumentierten Forschungsrunden entwickelt und validiert: 148 Aktien und ETFs, 12 Jahre Daten, jede Konfiguration in 12 unabhängigen Zeitfenstern geprüft.

Signal-Seiten zu diesem Thema

Aktuelle Signalwerte für ausgewählte Titel

Weiterlesen

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Bildung. Er ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten. Historische und simulierte Ergebnisse sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen. Details im Disclaimer.